Zum ersten Mal wird
hier das wohl behütete Zeichner-Archiv
einer breiten Öffentlichkeit präsentiert. Bilder und Tatsachen
aus der Entwicklungsgeschichte, die wir bisher aus unter-
schiedlichen Gründen unter Verschluß gehalten haben,
werden nun getreu den wahren Gegebenheiten erstmalig
aufgeführt. Zusammen mit den Logbucheinträgen On Tour
ergibt sich nun ein vollständiges Bild von ZEICHNER und
zugleich eine eindrucksvolle Illustration, wie weit eine Idee
gehen kann.

aus dem Duden:
pyrøgraphie (frz/dt):
besondere Zeichentechnik mit Wunder-kerzen (oder anderen explosiven
Stoffen) auf leicht entflammbaren Untergründen (wie beispielsweise
Papier). 1999 im Rahmen des Weimarer Kulturstadtjahres von der
Künstlergruppe "Zeichner" entwickelt.
Der Begriff wurde geprägt von einem anonymen, französischen
Passanten in Lorient / Bretagne. pyro- (gr.): explosiv,
brennbar -graphie (gr.): Wortteil bei der Bildung
von weibl. Substantiven mit der Bedeutung 1.Wissenschaft, Beschreibung
2. Geschriebenes 3. Schreiben. Zeichnen |
|
 |
Man nehme zwei Streichhölzer,
brenne sie vor den Augen des verwunderten Modells ab und kratze
mit dem Rest Kohle ein Porträt aufs Blatt.
Das Problem: man sieht kaum etwas, und es ist in etwa so spektakulär
wie Onkel Wickert im Sommerloch. |
|
 |
|
|
Zum Vorteil für unsere
Geschäftsidee und zum Nachteil
für unsere Fingerkuppen, Lungenflügel und Augäpfel
hatten wir aber gleich zu Anfang schon eine Alternative
in petto: Man nehme eine Wunderkerze und zeichne mit raschen
Strichen das Porträt auf ein Blatt ohne das Papier oder
das Modell dabei abzufackeln.
Es stellte sich heraus, daß eine Wunderkerze nur ca. 42
Sekunden brennt, und auch, daß Wunderkerze nicht gleich
Wunderkerze ist, wie diese beiden Bilder zeigen: Links eine
schwierige Polar-Wunderkerze, rechts eine Fernost-Wunderkerze
Marke Höllenschlund. |
|
 |
|
 |
| am
17.05.1999 brannten zwei ZEICHNER zum ersten
Mal in der westlichen Kulturgeschichten das
Porträt eines einfachen, handelsüblichen
Menschen mit einer einfachen, handelsüblichen
Wunderkerze in ein einfaches, handelsübliches
Blatt Papier. Dieser Vorgang dauerte durchschnittlich
42 Sekunden. Das Porträt kostete 3,-
DM. Aufgrund des mangelnden Könnens waren
die Porträts der frühen Anfangszeit
von riesigen Brandlöchern übersäht
und sahen den Porträtierten nur äusserst
selten ähnlich. Es kam auch vor, dass ganze
Blätter vor den Augen des Modells zu Asche
brannten. Hauptkunden in dieser Zeit waren Bekannte
von ZEICHNER, Weimarer Studenten, Professoren,
Dozenten und Schulklassen, die unbedingt ein hässliches
Porträt von ihrem Klassenlehrer für
die Abizeitung haben wollten. Vielen Dank an die,
die ZEICHNER in dieser schwierigen Phase unterstützt
haben. |
|
|
|
 |
 |
 |
|
 |
Ein erster Schritt in
Richtung professionelles Zeichnen waren kleine Verbesserungen
der Ausrüstung. Die ersten Verdienste wurden in besseres
Equipment investiert, teilweise konnten Sponsoren gewonnen werden,
die uns für einige Zeit mit Papier (30 Blöcke à
200 Blatt) und Wunderkerzen (30.000 Stück = 3K) versorgten.
Die wichtigsten, inzwischen teilweise schon antiquierten Stücke,
zeigen wir hier. |
|
 |
|
 |
Wer porträtiert
werden will muss zahlen !! Das ist klar.
Das war schon immer so. Womit er zahlt, ist jedoch
ihm überlassen. Jeder soll pyrographiert werden
können, egal wieviel Scheine oder Nicht-Scheine
er im Portemonnaie hat.
Dazu hat ZEICHNER das schöne mittelalterliche
(und leider seit Fall der Mauer viel zu sehr vernachlässigte)
System des Tauschhandels aus den Geschichtsbüchern
hervorgegraben. Im Tausch gegen Zeichnungen ist
ZEICHNER besonders im Zuge der Europatour 2000 in
den Genuss köstlicher Salate, spannender Geisterbahnbesuche,
geschmackvoller Cocktails und eigensinniger Henna-Tatoo-Interpretationen
des Zeichner-Logos gekommen. Wir haben es nicht
bereut.
ALSO: Machen Sie uns ein Angebot. (z.B. wenn sie
zufällig Kapitän der MS Berlin sind, schlagen
Sie uns eine Karibik Kreuzfahrt als Tauschobjekt
vor, oder so...) |
|
|
|
 |
So sehr man sich auch
dagegen wehrt: wenn man eine
Weile bei derselben Sache bleibt, wird man zwangsläufig
besser.
Dieses Problem stellte sich ZEICHNER folgendermaßen:
Sind die Porträts schlecht, dann geht es um die Action.
Gut.
Werden die Porträts aber so langsam ähnlich und
ähnlicher, dann erwarten unsere hochverehrten Modelle,
daß sie tatsächlich genauso abgebildet werden,
wie sie aussehen. Besser noch: wie sie gern aussehen würden.
Hier die Crème de la crème
der abgelehnten 42-Sekunden-Porträts
– Die Unverkäuflichen. Wir sind uns natürlich
sicher, daß die
Ablehner sich nachher und immer noch schwarzärgern. Wer
seine
Oma/Opa, Freund/Freundin wiedererkennt, gewinnt das Porträt.
Einsendungen mit Foto. |
|
 |
|
 |
Mit verstärkter
Übung (Sessions mehrmals wöchentlich) und steigendem
Können verkümmerte der Trash-Faktor in den Bildern
auf ein vertretbares
Mass. 42 Sekunden waren jedoch oft zu kurz um eine erkennbare
Ähnlich-
keit zu erzeugen. Insbesondere unsere Amerikanischen Freunde
tendierten auch regelmäßig dazu, auf eine exakte
Einhaltung der
Bedingungen (unter Verwendung von Stoppuhren) zu pochen.
Also entschieden ZEICHNER, die Zeit für ein Porträt
auf 84 Sekunden
(also 2 Wunderkerzen) zu erhöhen. Das bringt den Adrenalinspiegel
runter,
die Lebenserwartung hoch, und ein geschmeicheltes Lächeln
auf die Züge
des beglückten Modells.
In Folge kletterte der Preis für ein Porträt von 3
auf 5 und schliesslich auf
9 Mark pro Porträt. Um sich bei Laune zu halten, entwickelten
ZEICHNER
unterschiedlichste avangardistische Formen der Kunden-Aquise,
die sich
zum Teil stark an der Grenze zum "brain-washing" bewegten.
"Hässliche Porträts für schöne Menschen."
|
|
 |
|
 |
 |